Ein Neffe, Karl Rieke, Göttingen

schreibt einen sehr ausdruckvollen Brief an das Jubelpaar.

Könnte man ähnliches heute auch noch erwarten? Wohl kaum!

 

 

    Göttingen, 12. Februar 1895

Lieber Onkel und liebe Tante!
Teures Jubelpaar!
Ein selten schöner Tag ist es, den Ihr
morgen mit einander begeht: Das
Fest der goldenen Hochzeit.
Vor fünfzig Jahren, in der schönsten Zeit
des Lebens, schlosset Ihr den Bund der von
Gott geheiligten Ehe im Vertrauen auf
die göttliche Hülfe und gegründet auf in-
nige, treue Liebe. Mit echt christlichem Mut
und in gläubiger Hoffnung betratet Ihr
den neuen Lebensweg, der vor
lag, vom Schleier der Zukunft ver-
hüllt.
Euer Leben stelltet Ihr in den Dienst rast-
losen Schaffens für Euch und andere Menschen.
Euer Heim war eine Pflegestätte echt
deutscher Tugenden und Sitte. Stets konn-
ten andere Menschen die Thür Eueres
Hauses gastfreundlich geöffnet, und Euch
bereit finden zu Rat und Hülfe. Jahre-
lang lag die Hauptsorge um das Wohl
unserer lieben Heimatgemeinde in Dei-
nen bewährten Händen, lieber Onkel.
Und Du, liebe Tante, hast nicht nur dem
Gatten in Tagen der Sorgen, sondern,
wo Verwandtschaft und Bekanntschaft
es nur wünschte, durch Trost, Rat
und Beistand das Herz erleichtert
und aufgerichtet. – In dem Glücke
Euerer Kinder habt Ihr stets den schön-
sten Lohn für alle Mühen und Sorgen
des Lebens gefunden; und ist auch
in ihre Reihe mehr denn einmal
eine Lücke gerissen durch den Tod,
so habet Ihr solch herbe Verluste als eine
Prüfung des Himmels mit christlichem
        Mute getragen.

Viele Tage der schönen Kindheit durfte
ich selbst in der Mitte Euerer Familie ver-
leben, und neben der Verwandtschaft
hat auch echte Freundschaft ein schönes
Band um die damals noch jugendlichen
Herzen von Vettern und Basen ge-
schlossen. Es wird, so hoffe ich, halten fürs
Leben. Euer morgender Ehrentag wird
mir Veranlassung sein, all’ die schönen
Tage der Jugend noch einmal an mei-
nem Geiste vorüberziehen zu lassen.
Ihr aber, liebes Jubelpaar, stehet
heute, nachdem Ihr fast ein Menschenalter
hindurch Freud und Leid miteinander
getragen habt, da im Besitze des köstlichsten
Erdengutes, der Gesundheit, frisch und rüstig
vermöget Ihr noch zu regen Füße und Hände
in gewohnter Weise. Mit Stolz und Freude
dürft Ihr hinblicken auf Kinder und Kindes-
kinder, die alle Euch in gleicher Liebe

und Verehrung zugethan sind und sonder-
lich morgen wetteifern werden, Euch ihre
Zuneigung zu bezeigen. Fest in Euerer
Familie ist Euer Dasein gewurzelt,
eine hohe Zierde seid Ihr derselben,
ein leuchtendes Vorbild uns allen. –
Möge nun Gott, der Allmächtige, auch ferner
Euere Schritte lenken und Euer teueres Leben
in seinen gnädigen Schutz nehmen, damit
Ihr noch recht lange Euch des Lohnes
Eueres Schaffens, - des Glückes Euerer Kinder
und Enkel – in bisheriger körperlicher
Kraft und Gesundheit erfreuen könnt.
Möge es Euch vergönnt sein, auch den Tag
der „diamantenen“ Hochzeit  zu erleben –
Im Geiste werden wir morgen bei
Euch weilen, und solltet Ihr ein Klingen
in den Ohren spüren, so könnt Ihr sicher anneh-
men, daß es von dem „Lebehoch“ kommt, das
wir Euch morgen bringen werden.
  Mit den herzlichsten Grüßen in treuer Liebe
    Euere Karl & Luise Rieke u. Kinder