Jahr 1795

Ein Eheversprechen! 

Ist mit den heutigen Wertevorstellungen kaum noch denkbar. Herrschten doch Anstand, Sitte und Verantwortung
vor allem anderen vor. Nähere sich heute einmal ein junger Mann mit ähnlichem Anliegen einmal einer jungen Frau, seiner vorher angebeteten!!
Sie wird ihm vermutlich das Smartphone um die Ohren hauen!


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Siegel                                                                         Siegel

                                                                                         (siehe Anmerkung 1)

 

  • Actum  Brunstein den 21 ten                               

                                       April 1795.

 
Vor Königl. Amte erschienen
Johann Christoph Koch aus Denkershausen
als Bräutigam, und
Engel Marie (Anm. 2) aus Edesheim

als Braut,
mit Zuziehung des Bräutigams Vater
Adam Koch und der Braut Schwager
des Dragoner Andreas Christoph Fischer
vom 8 ten Cavallerie Regimente, und
zeigten folgende unter dem Braut-
Paare beschlossene Ehestiftung an.

                    §1.

Versprechen sich beide Verlobte die
Ehe, und soll solche nächstens durch
priesterliche Copulation vollzogen
werden.

                                                     § 2.

Des Bräutigams Vater verspricht
seinem Sohne dem gegenwärtigen
Bräutigam seine in Denkers-
hausen belegene Brinksitzerey.
Von dieser soll der Annehmer

                                                                        Nachfolgendes

 

 

 

Anmerkung 1: Das Siegel zeigt die Buchstaben
G und R ineinander verschlungen, vermutlich für
Georg Rex und bezieht sich sicher auf den ha
nno-
verschen Kurfürsten und späteren
König (ab 1814) Georg III., in Personal-
union unter gleichem Namen gleich-
zeitig König von England. Er lebte in
England und besuchte sein Stammland
in seiner 60-jährigen Regierungszeit
niemals.
Er lebte von 1738 bis 1820 und war im
Jahr 1795, aus welchem dieses Doku-
ment stammt, demzufolge Kurfürst von
Hannover und König von England; um
die im Siegel abgebildete Krone kann
es sich also nur um die englische handeln.
Durch seine Abwesenheit regierten in
Hannover sein Schwager, der Generalgou-
verneur  Karl Herzog von Mecklenburg-Strelitz,
hauptsächlich aber die Räte aus einigen
Adelsfamilien.

 Anm. 2:  Eigenname, vermutlich „Paarin“
oder „Paaren“

 



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Nachfolgendes leisten.

 

a)     nimt derselbe seine eine un-
gesunde Schwester Catharina
Elisabeth darauf und soll die-
ser auf den Fall, da der jetzi-
ge Bräutigam früher verster-
ben, die jetzige Braut aber
wieder darauf heyrathen, und
sich mit derselben nicht wür-
de vertragen können, da-
von für den Abzug 30 rths
/ dreißig Thaler / bezahlt werden.
übernimt derselbe 30 rths
/ dreißig Thaler / darauf haftende
Schulden.

 

                                                              § 3

 

In diese solchergestalt übertragene
Brinksitzerei nimmt der Bräutigam
die Braut auf und macht selbige
nach beschrittenem Ehebett darin
gleiches Rechts theilhaftig.
 

                            § 4

 

Dagegen bringt die Braut dem
Bräutigam in dotem(s. Anm. 1) zu, welches

 

davon

Anmerkung 1: in dotem, als (Braut-) Gabe; Mitgift



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davon mitgegenwärtiger Schwager
Dragoner Fischer laut seiner un-
term 4 ten Juny 1783 vor hiesigem
Königl. Amte verichteten Ehestif-
tung und mit der Braut gewese-
nen Vormünderei getroffenen
Vergleichs herausgeben muß:
an baarem Gelde 75 Rthlr
/siebenzig fünf Thaler/ in jahr-
lichen von beyden Theilen
agreirten (s. Anm. 1) Terminen zu
10 rtl., womit nächsten Marti-
ni fortgefahren wird.
für das Eigenthum 5 rthlr.
 /fünf Thaler/
aus dem Inventario 22 rthlr
18 gl /zwanzig zwey Thaler 18 gl/
nach dem Vergleich mit
den Vormündern.
an rückständigen Zinsen
4 rthlr 28 gl /vier Thaler 28 gl/
ihren Theil an Erblande
und dem Kohl Garten

 

welche

 

 

Anmerkung 1: agreirt, einverstanden, vergleiche im Englischen: to agree

 

 



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welche unter b.c.d. aufgeführte
und 32 rthlr. 10 gl. betragende Gel-
der von der Braut als richtig
 agnoszirt (s. Anm. 1), und von deren Schwa-
ger in einer Summe sofort
ausgezahlt werden müssen, und
nimmt die Braut ihren Theil
an dem Erblande und Kohlgar-
ten auch gleich in Besitz.

 

                                                            § 5

 

Beide Verlobte setzen sich nach
der Regel: längst Leib, längst
Gut, wechselseitig und mit 
Genehmigung des Bräuti-
gams Vater, als welcher auf
diesen Fall seinem ihm
erklärten Pflichttheile entsagt,
und auch für die Entsagung
seiner Ehefrau, welche Schwach-
heits halber nicht mit erscheinen
können derato carirt, zu Erben

 

ein

 

Anmerkung 1: agnosziert, agnoszieren; anerkennen

 



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ein, es mögen Kinder erfolgen oder
nicht.

 

                                                                § 6

 

Endlich bitten Comparentes (s. Anm. 1) um
obrigkeitliche Bestätigung dieses
 respective Uebergabeund Ehe Pe-
ceßes (s. Anm. 2), welchem unbedenklichen
Nachsuchen auch damit nach gesche-
hener Vorlesung und Genehmi-
gung gewillfahret, und die er-
betene Confirmation, wie wohl
mit Vorbehalt jedes Dritten Rechts,
unter Amts Siegel und gewöhn-
licher Unterschrift ertheilet wor-
den ist.

 

                           Actum ut supra (s. Anm. 3)

 

                                                  In fidem (siehe Anmerkung 4)

 

                   Siegel                                    (CH) Hugo            Bode

 

Anmerkung 1: Comparentes: Personen die einen Vergleich schließen

Anmerkung 2: Peceß; Prozeß

Anmerkung 3: Actum ut supra; verhandelt wie oben

Anmerkung 4: in fidem; beglaubigt