Zur Sammlung und Kartierung von Flurnamen

Die Entstehung von Flurnamen ist zeitlich nicht begrenzt. Es gilt als sicher, dass schon vor dem Sesshaftwerden der Menschen markante Teile der Landschaft Namen trugen, vor allem aber Flussläufe. Gerade Gewässernamen, die manchmal in die indogermanische Zeit zurückreichen, beweisen, dass es schon vor Jahrtausenden Örtlichkeitsnamen gab.

Die erste Überlieferung von Flurnamen zur Bestimmung von Teilen einer Gemarkung erfolgte ganz vereinzelt in mittelalterlichen Besitzverzeichnissen und Urkunden. Mit dem verstärkten Bestreben nach Schriftlichkeit, besonders in den städtischen und kirchlichen Verwaltungsorganen, wuchs seit der Mitte des 16. Jahrhunderts auch die Zahl der überlieferten Flurnamen. Das tatsächliche Alter von Flurnamen ist selten festzustellen. Eine erste urkundliche Erwähnung ist wie bei den Ortsnamen im Allgemeinen zufällig und der Name meist erheblich älter. Lücken in der Überlieferung sind manchmal so groß, dass Namen nach ihrer Erwähnung erst Jahrhunderte später erneut auftauchen. WISWE nennt als Beispiel „Brandhelms Garten" in Salzgitter-Thiede aus einem Schriftstück von 1746, dort erstmals erwähnt. Der Name bezieht sich jedoch auf einen „Branth Helmes", der letztmals 1519 benannt ist.

Schließlich sind aber auch Flurnamen in der Bevölkerung bekannt, die wohl schon sehr alt sind, aber in keiner schriftlichen Quelle erwähnt werden.

Praktisch alle Flurnamen, die wir heute kennen, sind historische Namen. In der Gegenwart werden nur noch selten neue Flurnamen gebildet, da kaum noch Bedarf an ihnen besteht. Im amtlichen Verkehr reicht die Parzellennummer zur eindeutigen Identifizierung eines Grundstücks und seiner Lage. Warum sollten sich die Behörden und Ämter der viel umständlicheren Flurnamen bedienen?

Dass unsere Muttersprache zunehmend verarmt, zeigt sich zum Beispiel an der Zahl der heute noch gebräuchlichen Gewässernamen. In einem Flurnamen-Kolloquium im Jahre 1999 stellte Professor Dr. Jürgen UDOLPH Begriffe für „Wasser in Flurnamen" vor. Früher kannte man für „Quelle" auch die Begriffe „Born, Brunnen, Haupt, Schwall, Spring, Welle" und für „fließendes Wasser" allein 15 Namen. Dass es bei uns so viele unterschiedliche Begriffe für Gewässer gibt, ist nicht verwunderlich, da unsere Region sehr wasserreich ist. So wussten unsere Vorfahren diese landschaftlichen Gegebenheiten auch sprachlich zu unterscheiden. Häufiger als gemeinhin angenommen tauchen Bezeichnungen für das „Pferd" in Flurnamen auf. Das Pferd war der wertvollste Besitz des Adels wie der Bauern unter den Haustieren. Kein Wunder also, dass ihre Weiden besondere Namen erhielten, die auf diesen Besitz hinwiesen. Professor Kaspar STUHL zählt über 20 Pferdenamen auf und meint, dass „... unsere uralte Muttersprache rund 60 Pferde-Bezeichnungen kannte ..." In der Flurnamen-Überlieferung sind hochdeutsche und niederdeutsche Elemente enthalten. Seit dem 16. Jahrhundert ist bei uns das Niederdeutsche als Amts- oder Kanzleisprache durch das Hochdeutsche verdrängt worden. Demgegenüber war das Niederdeutsche für den überwiegenden Teil der ländlichen Bevölkerung bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts die Umgangssprache.

Mit der von Dorf zu Dorf unterschiedlichen Mundart veränderten sich auch die Flurnamen, so dass die „Itsche, Ütsche, Ihle" in jedem Fall der „Frosch" ist. Der „Büh" kann auch „beu, boi, büch oder bue" geschrieben werden, es bleibt ein in Niederungen gelegenes, von Wasser umflossenes, als Weideland genutztes Flurstück.

Aufgezeichnet wurden die Flurnamen vor allem von Amtspersonen, die

manchmal nicht einmal aus unserer Region stammten. Sie bemühten sict},

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die niederdeutsch gehörten Namen hochdeutsch aufzuzeichnen, aber das ist in sehr unterschiedlichem Maße gelungen.

So wurde aus der „Mahnte" der „Mond" und aus „up de ou" ein „auf der Sau", obwohl „auf der Aue" gemeint war.

Flurnamen gab es, damit sich die Mitglieder einer Dorfgemeinschaft in ihrer Lebens- und Arbeitswelt eindeutig verständigen konnten. In früheren Zeiten waren die Felder und Wiesen durch Hecken, Wälle und Bachläufe begrenzt. Um die einzelnen Flurstücke zu unterscheiden, gab man ihnen Namen, die zum Beispiel an die Nutzungsart (Gänsewiese), die Beschaffenheit des Geländes (Sumpfbleek), an die Form des Grundstücks (Triangel) oder den Namen des Besitzers (Holtappels Dannen) unter anderem geknüpft waren. Flurnamen sind Geschichtsquellen, die zur Kenntnis unserer Vergangenheit beitragen. SCHEUERMANN: „... Flurnamen zählen zu unserem über die Zelten hinweg bewahrten Kulturgut..."

Quellen zum Auffinden von Flurnamen einer Gemarkung können Urkunden, Chroniken, Besitzverzeichnisse und heimatkundliche Schriften unter anderem sein. Auch in den meisten Schulchroniken, die 1909 angelegt werden mussten, sind oft die Flurnamen der Gemarkung aufgeführt - allerdings in der Regel ohne eine Kartierung.

In den 1920-er Jahren hatte der „Niedersächsische Ausschuß für Heimatschutz" die Gemeinden aufgefordert, Sammelbögen und Karteikarten mit den Flurnamen ihrer Gemarkung anzulegen. Das erledigten vor allem die Schulleiter und Heimatpfleger.

Diese Sammlungen werden, soweit vorhanden, im Flurnamen-Archiv beim „Institut für historische Landesforschung" der Universität Göttingen aufbewahrt. Allerdings fehlt auch hier die Kartierung. Zudem wurden die Karteien sehr unterschiedlich ausgefüllt. Für einige Gemarkungen sind lediglich Namen festgehalten, in anderen Karteien ist dazu die Himmelsrichtung angegeben, in der das Flurstück, vom Dorf aus gesehen, liegt. Es gab aber auch Sammler, die zu etlichen Flurnamen Informationen gegeben haben.

Manchmal findet man vermerkt, dass der Name nicht mehr gebräuchlich sei. Dennoch wurden auch diese Namen in die Sammlung aufgenommen, da sie unter anderem auf Besonderheiten der Flurstücke eingehen und sonst vielleicht verloren gingen.

Einige Flurnamen-Sammlungen sind in den „Northeimer Jahrbüchern" erschienen - eine große Hilfe für die Bearbeitung dieser Gemarkungen, zumal sie auch zum Teil vom Verfasser angefertigte Karten enthalten, die jedoch manchmal nur bedingt nutzbar sind.

Neben den Flurnamen wurden in die Sammlung auch Forst-, Gewässer- und Straßennamen aufgenommen.

Flur- und Forstnamen sind häufig nicht voneinander zu trennen. Gewässernamen tauchen auch in Flur- und Ortsbezeichnungen auf. Klare Grenzen zwischen der alten Ortslage und der Feldmark sind heute in vielen Fällen nicht mehr zu ziehen. Das Dorf ist ebenso wie die Stadt in die Feldmark gewachsen.

Oft sind in Neubaugebieten und Randlagen aber erfreulicherweise Flurnamen in Straßennamen enthalten und bleiben auf diese Weise erhalten.

Häufig sind in neuen Ortsteilen Kunstnamen anzutreffen. Da gibt es zum Beispiel das „Blumenviertel", die „Baumstraßen" und das „Dichterviertel". Diese Namen haben meist keinen lokalen Bezug und sind nicht in der vorliegenden Sammlung enthalten.

Wenn Namen nicht lokalisiert werden konnten und / oder nicht mehr bekannt sind, wurden sie in die Sammlung aufgenommen unter „nicht kartiert" (n.k.), denn sie gehören zur Geschichte des Ortes.

Die vorliegende Sammlung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit.

Für die Kartierung der Flurnamen wurden Karten im Maßstab 1 : 25.000 aus den 1970-er Jahren herangezogen, da darin die Grenzen der einzelnen Gemarkungen noch zu erkennen sind. In den jüngeren Karten ist das nicht mehr der Fall.

Der Maßstab lässt nicht immer eine exakte Eintragung zu. Deshalb sind, nsbesondere in den Ortslagen, zum Teil mehrere Namen unter einer Zahl aufgeführt.

Venn die Größe der Gemarkung es zuließ, wurde die Karte vergrößert dargestellt, um eine genauere Kartierung vornehmen zu können.

Diese Sammlung der Flurnamen in der Stadt Northeim mit ihren Dörfern umfasst so viele Namen, dass sie nicht in einem Band bearbeitet werden konnten, denn ich wollte nicht nur versuchen, den Namen zu erklären, sondern, wenn möglich, weitere Informationen dazu geben.