Die letzten Tage rund um Northeim

Der Mit-Autor Helmut Engel des "Northeimer Jahrbuch 2015" vom Heimat- und Museumsverein für Northeim und Umgebung e.V. hat eine eigene Recherche zu den damaligen Ereignissen betrieben. Wir dürfen hier mit der freundlichen Genehmigung durch das Redaktionsmitglied Herrn Ekkehard Just einige Passagen veröffentlichen. Den vollen Text sollte man unbedingt im o.e. Jahrbuch nachlesen.

Zitat:

"Nach siebzig Jahren - Erinnerungen an das Kriegsende in Northeim
Von Helmut Engel

Vorbemerkung
Berichte von Zeitzeugen über das Kriegsende 1945 werden in der Regel durch den engen Aktionsradius gekennzeichnet, die deshalb als individuelle Wahrnehmungen gewertet werden müssen: die Beteiligten saßen im Bunker, im Keller oder im Unterstand und schrieben erst Jahre später die Beobachtungen auf. Die Wahrnehmung der Ereignisse war nicht auf das Erfassen von übergreifenden Zusammenhängen ausgerichtet, sondern galt in der Regel dem Blick auf das engere eigene Umfeld. Trotzdem besitzen solche Erinnerungen neben ihrem Erzählwert den Rang von Dokumenten, der jedoch zum vollen Verständnis des Einbindens in die Zeitgeschichte bedarf. Nur so kann der Eindruck des nur Anekdotischen vermieden werden. Das gilt auch für die nachfolgenden Erinnerungen, zumal der heute achtzigjährige Berichterstatter zum Zeitpunkt des Erlebens gerade zehn Jahre alt wurde. Hilfreich sind bei der Bewältigung des Stoffes zusätzliche Zeitzeugenberichte, denn sie unterlegen das selber Erlebte und/oder weiten das Begreifen der Vorgänge aus.
Der Rückgriff auf wissenschaftliche Forschung hilft nur bedingt, wenn beispielsweise für den westlichen Kriegsschauplatz im Raum südliches Niedersachsen die Abläufe der Ereignisse weder für die amerikanische Militärgeschichte noch für die deutsche Geschichtsschreibung von Bedeutung waren. Umso größeren Wert können die Zeitzeugenberichte annehmen.

Einleitung
Als sich der Krieg an allen drei Frontabschnitten im Osten, Westen und Süden der Reichsgrenze näherte, denn die Wehrmacht befand sich seit Stalingrad nur noch auf dem Rückzug, wurde mit der Bildung des Volkssturms im September 1944 das Reichsgebiet unter dem Zugriff der NSDAP zur Verteidigung eingerichtet. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944
wurde Hitler von einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber den Offizieren der Wehrmacht beherrscht, denen er ohnehin fortwährend Verrat und damit die inzwischen eingetretene bedrohliche Lage auf allen Kriegsschauplätzen vorgeworfen hatte. Die Führer des Volkssturms sollten deshalb nicht aus der Wehrmacht, sondern vielmehr als „standhafteNationalsozialisten"
aus den Gliederungen der Partei kommen. Die jetzt noch weiter ausgedehnte Herrschaft der Partei wurde auch durch den Reichsführer SS unübersehbar. Himmler war sofort nach dem Attentat noch am 20. Juli zum Befehlshaber
des Ersatzheeres ernannt worden. Und in dieser Funktion wurde ihm auch die Zuständigkeit für Ausrüstung und Ausbildung des Volkssturms zugewiesen. Durch Weisung der Parteikanzlei waren bereits 1944 die Gauleiter angehalten worden, rechtzeitig die Verteidigung ihres Gaugebietes einzuleiten, zumindest zu planen. Die Wehrmacht setzte lediglich ihr
pioniertechnisches Fachwissen ein.
Der Northeimer Volkssturm, der ein Rückgrat der ortsnahen, aber auch vorverlegten Verteidigung gebildet hätte, umfasste etwa 2.000 Mann, untergliedert in zwei Bataillone, die auf dem Kasernenhof am 9. November 1944 (dem Jahrestag des Marsches auf die Feldherrnhalle von 1923) vereidigt wurden. Am westlichen Hang des Sultmers, unterhalb des Kinderheims, unterwies man die Männer im Gebrauch der Panzerfaust, sonst wurden sie zu Schanzarbeiten herangezogen: zum Ausheben von Deckungslöchern gegen Tieffliegerangriffe entlang der B 3 und in letzter Minute ab 3. April 1945 unter Aufsicht der Wehrmacht zum Bau von Erdstellungen wohl vornehmlich auf beiden Seiten der Göttinger Straße mutmaßlich entlang der Eichstätte - die militärisch hoffnungslose Lage kennzeichnend, wurde der beginnende Stellungsbau schon am 6. April durch amerikanische Bomber zerstört.
Die Stadt sollte nach möglicherweise bereits zeitlich voraufgegangener Planung mit einem inneren und einem äußeren Verteidigungsring und wohl auch einer äußeren Sperrzone zu einer Art Rundum-Verteidigung, vielleicht auch nur als eine Riegel-Stellung vorbereitet werden. Der äußere Verteidigungsring Richtung Westen hatte die Eingänge in das Rhumetal
und damit den Zugang zum Harz zu sichern. Der innere Verteidigungsring orientierte sich an der mittelalterlichen Stadtmauer und den vorgelagerten Wällen teilweise noch mit Wassergräben - im Abschnitt Alter Friedhof wurden Schützengräben angelegt
und hinter ihnen innerhalb der Stadtmauer Panzerfauste gestapelt. Den äußeren Verteidigungsring kennzeichneten Feldstellungen am Sultmer sowie von Göttinger Straße über Eichstätte zum westlichen Hang des Wieters. Die Sperrzone wurde durch natürliche Hindernisse, durch Leine und Rhume, und die Sperrung der Brücken durch Panzersperren oder durch das Sprengen der Brücken gesichert. Weitere Panzersperren riegelten die südlichen und westlichen Eingänge in den Stadtkern ab. Der militärische Wert der Stellungen war sicherlich gering und kaum geeignet, die Bedrohung durch die weit überlegenen Panzerstreitkräfte auszuschalten.

Sonntag, den 8. April, wurde um 14.00 Uhr in der Stadt Feindalarm gegeben: die Glocken läuteten und die Sirenen heulten fünf lange Minuten. Bewohner verließen die Stadt und suchten Schutz in der Umgebung sowie im Stollen am Weinbergsweg.
Beim Verlassen der Stadt bemerkten sie entlang des Kamms auf dem Wieter einzelne deutsche Soldaten in Deckungslöchern. Gegen Abend des 8. April war westlich der Stadt Gefechtslärm zu hören. Amerikanische Geschütze schössen von einem Acker westlich des Leineturms Richtung Bürgermeister-Peters-Straße, wohl um auf diese Weise mögliche deutsche Geschütze zu einer Reaktion zu veranlassen. In der Stadt wurden die Vorratslager geöffnet, die die Bevölkerung regelrecht zu plündern begann.

Am 10. April rückten amerikanische Panzer morgens zwischen 2 Uhr und 4 Uhr aus Richtung Göttingen in die Stadt ein. Nur im Umfeld von Langer Brücke und Kaserne kam es vormittags zu einem Panzergefecht. Zeitgleich mit Northeim wurde
um 4.30 Uhr Nörten-Hardenberg eingenommen. In der Nacht vom 10. auf den 11. April verließen die letzten deutschen Truppen Edesheim, am frühen Nachmittag waren die Amerikaner im Ort. Der Vorstoß der Amerikaner aus Richtung Einbeck ging wohl als Folge deutschen Widerstandes, der sich bis zur Northeimer Kaserne erstreckte, nicht so schnell vonstatten wie der aus Richtung Höckelheim/Göttingen. Die amerikanischen Streitkräfte waren unter Durchquerung des Sollings aus Richtung Westen vorgedrungen. Sie hatten am
8. April Bodenfelde erreicht und waren abends bereits in Uslar (möglicherweise ebenso in Moringen?), am 9. April eroberten sie Hardegsen und Moringen und standen am Abend in Höckelheim. Zwischen Moringen und Höckelheim teilten sie sich wohl in Kenntnis des Befehls zur Verteidigung der Stadt, mutmaßlich um sie aus zwei Richtungen anzugreifen, möglicherweise scheuten sie auch die Durchquerung des durch ihren Bombenteppich „ umgepflügten " Bahnhofsgeländes. Der Befehl zur Verteidigung von Northeim war durch die deutsche 11. Armee am 7. April aufgehoben und alle noch einsatzfähigen Soldaten waren in Richtung Harz in Marsch gesetzt worden. Am 3. April war für Göttingen ein neuer Kampfkommandant ernannt worden, wobei man immer davon ausging, entlang der Leine zu verteidigen. Die Bestätigung des neuen Kampfkommandanten durch das OKH mittels Fernschreiben aus Zossen wäre mit dem Befehl verbunden, Göttingen, Northeim, Duderstadt und weitere Ortschaften festungsartig auszubauen und zu verteidigen. Am 7. April traf abends der Korpsbefehl ein, am 9. April  eine neue Widerstandlinie im Rhume-Hahle-Abschnitt zu besetzten. Damit wurden faktisch die Verteidigung der Leine und der Verteidigungsbefehl am 7. April gegenstandslos.
In unmittelbarem Zusammenhang mit dem Vordringen der Amerikaner standen seit Wochen Tieffliegerangriffe, die seit der Jahreswende 1944/ 1945 auch über Northeim nicht mehr aufhörten Zur Unterbrechung der Verkehrsverbindungen gehörten auch punktgenaue Bombenangriffe auf Bahnhöfe, so auf den Bahnhof Northeim - nach dem Tieffliegerangriff vom 2. April jetzt mit verheerender Wirkung am 7. April - bereits seit Ende 1944 hatte die amerikanische Luftaufklärung das Bahngelände kartiert.
Ebenfalls am 7. April wurde der Bahnhof in Osterode angegriffen. Längst fluteten befehlsgemäß (?) Wehrmachtseinheiten zurück, um über Osterode und Freiheit in den Harz zu kommen. Wichtiger als die Verteidigung von Northeim scheint der Harz gewesen
zu sein, denn auf Befehl Hitlers sollte hier unter General Wenck aus versprengten Einheiten eine neue 12. Armee gebildet werden. Nach Westen habe sie mitten durch die amerikanische Front einen Korridor Richtung Heeresgruppe B zu öffnen, bis die „Armee Wenck" nach Osten umdrehte, um Berlin zu entlasten. Amerikanischen Darstellungen zufolge lag Northeim im Angriffsstreifen der 104th Infantry Division und der 3rd Armd. Division, die beide zur amerikanischen 1. Armee gehörten. Die amerikanische 1. Armee unter General Courtney Hodges hatte mit ihrem Nordflügel bis zum 7. März den deutschen Widerstand in Köln gebrochen, ihr Südflügel war am gleichen Tag mit der 9. Panzerdivision auf Remagen vorgestoßen und hatte die unbeschädigt vorgefundene Brücke in ihren Besitz gebracht sowie
innerhalb von zwei Tagen einen fünf Kilometer tiefen, nicht mehr zu beseitigenden Brückenkopf gebildet. Die strategische Planung Eisenhowers zielte darauf ab, die deutschen Kräfte östlich des Rheins im „Ruhrkessel" festzuhalten und aufzureiben sowie
die Ruhr-Industrie für die deutsche Kriegsfuhrung auszuschalten. Diesem strategischen Ziel ordnete er im Gegensatz zu Churchill politische Erwägungen wie die für ihn nur noch symbolische Eroberung Berlins unter. Die in breiter Front aufgestellte amerikanische 1. Armee richtete ihre Hauptstoßrichtung anschließend an die Vernichtung des Ruhrkessels über Kassel nach Thüringen und Sachsen aus, um sich entsprechend der Planung Eisenhowers in den Besitz der nach hier verlagerten Rüstungsindustrie zu bringen. Aus der weit ausgeholten Einkreisung des Ruhrkessels entwickelte sich aber auch die
Angriffsrichtung der beiden, über Paderborn Richtung Halle bis zur Mulde und nach Torgau vorstoßenden Einheiten, der 104,h Infantry Division und der 311' Armd. Division. Den Raum zwischen Rhein und Weser hatten die Amerikaner innerhalb von vier Wochen durchquert, ein deutliches Zeichen des kaum noch nennenswerten deutschen Widerstandes.
Die ab Höhe Duisburg vorstoßende amerikanische 9. Armee, die in geringerem Umfang an der Einkreisung der deutschen Kräfte an der Ruhr beteiligt war, richtete ihren anschließenden Vormarsch in der allgemeinen Richtung auf Berlin aus, erreichte bei Magdeburg und Tangermünde die Elbe, um hier aber entsprechend der strategischen Planung ihren Vormarsch einzustellen. Die I. und die 9. amerikanische Armee sparten mit ihren Hauptstoßrichtungen somit den Harz durch südliche und nördliche Umgehung aus, kreisten ihn aber von Osten her ein


Das „Kriegstagebuch" des Oberkommandos der Wehrmacht ließ die Hauptangriffsrichtungen der Amerikaner deutlich erkennen.
Für den Bereich zwischen den beiden Hauptstoßrichtungen und damit für das westliche Vorfeld des Harzes wurde unter dem 9. April notiert: „Heeresgr. B: Weitere Geländeverluste. Beim AOK 11 (d. h. Armeeoberkommando 11 der Heeresgruppe B) bildete der Feind einen Kopf bei Beverungen; aus dem Kopf Veckerhagen stieß er über Göttingen nach Landolfshausen vor, ferner von Witzenhausen nach Hohengandern." Northeim lag somit im Bereich des (deutschen) Armeeoberkommandos 11
der Heeresgruppe B. Am 10. April vermerkte das Lagebuch: „Bei der 11. Armee Kämpfe bei Seesen und Duderstadt.
Von Hildesheim aus erreichte der Gegner den Raum von Salzgitter; Gandersheim ging verloren, ebenso Einbeck.
Ostwärts Göttingen kam er schnell voran und stieß von Heiligenstadt nach Duderstadt vor." Zu den „Kämpfen bei Seesen und Duderstadt" gehörte auch die Einnahme von Northeim.

Nachdem der Befehl zur Verteidigung von Northeim am 7. April aufgehoben worden war, lag die Stadt nur noch auf einem Nebenkriegsschauplatz, der aber von Bedeutung deshalb war, weil sich von hier aus mit dem Rhumetal den Amerikanern ein Zugang zum Harz eröffnete."

Ende Zitat

 

 

Vom Ende und Anfang - 1945

gibt es im "Northeimer Jahrbuch 2015" eine Reihe von Berichten und Erzählungen, die in diese Chronik hinein passen.

Links der gekürzte Bericht von Helmut Engel.

Weiter von

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